Harald Lesch liest in München

Wir kennen ihn vor allem aus seiner ZDF-Sendung Leschs Kosmos. Der Physiker, Fernsehmoderator und Buchautor Harald Lesch hat jetzt in München aus seinem neuen Buch “Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt in der wir leben wollen” gelesen.

In meinem letzten Film zur Sowjet-Technik habe ich ihn als Experten zur Plasmaphysik interviewt. Und ihn als sehr kompetenten Naturwissenschaftler kennengelernt. Er versteht es, die Fakten und ihre Zusammenhänge von Wertungen strikt zu trennen. Und seine Schlussfolgerungen streng aus den Naturgesetzen abzuleiten.

Harald Lesch leitet seinen Vortrag mit dem Bild des blauen Planeten Erde ein, wie ihn die amerikanischen Astronauten von Apollo 8, William Anders, James Lovell und Frank Borman, vor 50 Jahren zum ersten Mal sahen, als sie erlebten, wie die Erde über dem Horizont des Mondes aufging. Das Bild der blauen Erde im unendlich schwarzen Kosmos war bereits auf dem Titelbild des epochalen Buchs “Die Grenzen des Wachstums” des Club of Rome von 1972 abgedruckt. Harald Lesch stellt fest: “Dieses Bild ist bis heute Sinnbild der Verletzbarkeit und Einzigartigkeit des Planeten Erde”.

Hier einige Film- und Tonaufnahmen, gedreht im Dezember 1968 an Bord von Apollo 8:


Und damit sind wir angekommen beim Problem dieses Planeten: dem Menschen. Er strengt sich mächtig an, sich selbst abzuschaffen. Der Zustand der Erde verlangt dringend, dass wir handeln. In ihrem Buch schildern Harald Lesch und sein Co-Autor Klaus Kamphausen, wie das bewerkstelligt werden kann. An vielen Beispielen zeigen die Autoren Handlungsmöglichkeiten für eine Bewältigung der ökologischen Krise auf. Ein Aufruf zum Mitmachen: vielerorts wird bereits an Lösungen und neuen Wegen gearbeitet. Etwa wenn es darum geht, unsere Mobilität anders zu organisieren oder den CO2-Ausstoß zu verringern. Solche Ansätze brauchen die Unterstützung von uns allen. In der alltäglichen Praxis jedes Einzelnen.

Harald Lesch, Münchner Bücherschau, 28.11.2018
Harald Lesch, Münchner Bücherschau, 28.11.2018. Foto: Stephan Bleek

Dies ist kein Buch, in dem man abends mal so eben schmökern kann. Es ist ein Buch voller wissenschaftlich gesicherter Fakten, anschaulich präsentiert in zahlreichen Grafiken, auf unterschiedlich farbigen Seiten.

Die Wissenschaft, wenn wir sie ernst nehmen, kann ein wichtiger Partner sein. Unsere Fähigkeiten, Probleme zu erkennen, zu analysieren und Lösungsalternativen zu entwickeln, sind heute größer denn je. Die Zeit drängt. Lernen wir nicht unverzüglich unsere Möglichkeiten zu nutzen, kann es zu spät sein für eine Welt, in der wir leben wollen. Was sollen, was können wir tun? Im Buch werden dazu vielerlei Ansätze vorgestellt. Zum Thema Mobilität etwa, zur Energiewende, zu einem gerechten Steuersystem, zum ökologischen Handeln im Kleinen. “Make our Planet great again”.

Nun mag man einwenden, dass ja gerade das Buch “Die Grenzen des Wachstums” gezeigt habe, dass es sehr schwer ist, die Zukunft exakt zu modellieren. Dass am Ende alles ganz anders gekommen sei. Richtig ist, dass die Erkenntnismöglichkeiten damals noch ganz am Anfang standen. Wichtig ist auch zu sehen, dass viele Prognosen deshalb nicht eingetreten sind, weil wir in internationaler Zusammenarbeit rechtzeitig gegensteuern konnten.

Harald Lesch: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Harald Lesch: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Man denke an das Ozonloch oder an das drohende Waldsterben, das durch die rasche und konsequente Reduzierung des Schwefels in den Abgasen der Kraftwerke gestoppt wurde. Und nicht, weil die Prognosen falsch waren, wie heute oft behauptet wird. Gelingt uns die drastische Reduktion der CO2 Emissionen nicht ähnlich schnell, werden wir die negativen Folgen aufgrund der Gültigkeit der Naturgesetze nicht mehr aufhalten können. Wir wissen auch, dass die gewaltigen Fortschritte in der Effizienz, die seit 1972 in unseren Technologien erreicht wurden, ebenfalls ihre Grenzen haben. Was nützen batteriegetriebene Autos der Umwelt, wenn sie nochmals 50% schwerer sein werden als unsere derzeitigen Fahrzeuge? Mit entsprechend höherem Energieverbrauch. Wenn die Gewinnung des Lithiums für Batterien gewaltige Umweltschäden hervorruft? Wenn die Erzeugung des Stroms für Elektroautos Atomkraftwerke und Verlängerung der Kohleverfeuerung nötig machen würde?

Ein wichtiger Beitrag könnte die Erzeugung von Solarstrom in Nordafrika sein. Im Buch erklärt ein Experteninterview die Chancen dafür, die nach dem Scheitern von Desertech noch bestehen. Allerdings sind die Kosten von 12 Cent pro Kilowattstunde Solarstrom aus Marokko nicht gerade günstig. Aber als konstant verfügbare – auch im Winter! – Energie in der Zukunft unverzichtbar.

Wir zählen heute fast 8 Milliarden Menschen auf der Welt. 1972 waren wir nicht einmal 4 Milliarden. Der Planet Erde erfährt gerade eine Bevölkerungskrise, ein Aspekt, der im Buch vielleicht zu kurz kommt. Wir erleben bereits, wie wir Menschen beim Kampf um die Ressourcen aggressiver werden. Wie Zusammenarbeit von Egoismus zerstört wird. Wie ganze Gesellschaften im Bürgerkrieg versinken – auch weil sie ihren zahllosen jungen Menschen keine Perspektiven bieten können. Investitionen in solarthermische Kraftwerke in Nordafrika könnten ein wichtiger Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaften dort werden.

Am Schluss des Buchs laden die Autoren uns Leser ein, das “Generationen-Manifest” zu unterstützen und sich auf der Seite der Generationen Stiftung weiter zu informieren. Und sie schließen: “Mehr Demut, ihr Politiker, Shareholder und Investoren, mehr Respekt vor dem, was man nicht in Cent und Euro berechnen darf! Mit unserer Gier riskieren wir alle ein fürchterliches Urteil des größten Gerichtshofes den es gibt, den der Natur. Hier herrschen Gesetze, über die niemand in einer Parlamentssitzung diskutieren oder mehrheitlich entscheiden kann. Hier gibt es keine Abstimmungen. Es gibt auch keinen Anwalt, und es gibt kein »in dubio pro reo«. Nein, es gibt keinen gütigen Richter, der Gnade vor Recht ergehen lässt, es gibt nur und einzig und alleine die absolut geltenden Naturgesetze. Ohne Wenn und Aber, ohne Deal, ohne Kronzeugenregelung. Und niemand von uns wird sagen können, wir waren nicht dabei oder wir haben das alles nicht gewusst. Wir sind dabei, und wir wissen. Die Stürme in der Karibik, die schwindenden Gletscher und die sterbenden Insekten malen das Menetekel die Wand. Demut ist unsere letzte Chance.”

Harald Lesch im Münchner Presseclub
Harald Lesch im Münchner Presseclub 4.12.2018. Foto: Stephan Bleek

Diskussion im BJV

Bei der Weihnachtsfeier der Fachgruppe Rundfunk im Bayerischen Journalistenverband hielt Harald Lesch die Keynote. “Make our Planet great again”. Er mahnte uns Journalistenkollegen eindringlich, sich der Ignoranz und der neuerdings massiv vorgetragenen Feindseligkeit gegenüber Vernunft und wissenschaftlicher Erkenntnis entgegenzustellen. Die Naturgesetze gelten. Unerbittlich. Kompromisslos. Also müssen wir handeln: Wenn nicht jetzt, wann dann?